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["Notizen aus dem schwarzen Loch"]
 
 
Notizen 250
 
Was (Finken-)Männer attraktiv macht
 
In der Evolutionsbiologie gibt es ein Phänomen, das schon Darwin entdeckte und das als "geschlechtliche Zuchtwahl" ("sexual selection") bekannt wurde. Die Kurzbezeichnung dazu heißt: "Damenwahl", und sie bedeutet: Weibchen suchen sich Männchen nach gewissen Merkmalen aus, die besondere "genetische Fitness" verraten sollen. Aber was heißt das, wie machen sie das, und trifft es überhaupt zu?

Charles Darwin, der zwar nicht die Evolutionstheorie erfand (die war schon vor ihm durch Robert Chambers popularisiert worden), wohl aber die "Natürliche Auslese" und das "Überleben der am besten Angepassten/der Tüchtigsten", wunderte sich über gewisse, weit verbreite Erscheinungen in der Natur, die zu seiner These vom Überleben der Tüchtigsten in Widerspruch standen. Es waren die auffälligen Schmuckstücke der Männchen: das Geweih des Hirsches, das Rad des Pfaus, die Mähne des Löwen. Alle diese Merkmale bescheren ihren Trägern erhebliche Nachteile. Der Hirsch braucht viel Nahrung und Energie zum Aufbau des Geweihs, die ihm dann möglicherweise bei der Verteidigung seines Reviers fehlt. Der Pfau wird durch seinen Schmuckschwanz so auffällig, dass Tiger und andere Fressfeinde ihn leicht finden und vertilgen. Der Löwe wird durch seine Mähne so schwer, dass er nicht mehr jagen kann und, wenn er nicht aufpasst, in einem Tümpel ertrinkt, weil sich seine Mähne mit Wasser voll saugt und ihn untergehen lässt.
Nach den Darwinschen Gesetzen der "natürlichen Auswahl" müssten diese Tiere inzwischen ausgestorben sein, was zum Teil auch zutrifft: Der Riesenhirsch der Eiszeit versank durch sein gewaltiges Geweih beim Klimawandel im Sumpf der Tundra; das Mammut mit seinen Riesenstoßzähnen versank im Schnee; der Säbelzahntiger erstickte an seinen eigenen Säbelzähnen. Dennoch gibt es solche übertriebenen Schmuckstücke weiterhin. Was hat sich die Natur dabei gedacht?
Die Natur sicher nichts, wohl aber die Weibchen, wenn sie denn in dieser Hinsicht zum Denken angeregt werden. Für die sind solche
Zuschaustellungen - so die Theorie - Zeichen von "genetischer Fitness". Wenn ein Exemplar des männlichen Geschlechts, so die Überlegung, sich derart schädlichen Schmuck leisten kann, muss es auch besonders fit sein. Das wissen die Evolutionsbiologen, also wissen es auch die Weibchen. Aber stimmt das? Abgesehen davon, woher die Weibchen sowas wissen sollen, zeugen Männchen mit besonders auffälligen Attributen tatsächlich besseren Nachwuchs?
Die Forscher Diego Gil, Jeff Graves, Neil Hazon und Alan Wells von der "School of Environmental and Evolutionary Biology" an der Universität von St. Andrews in Schottland haben die Angelegenheit bei Zebrafinken untersucht und darüber einen Bericht in der Zeitschrift "Science" 1999 veröffentlicht. Erstes Ergebnis: Männliche Zebrafinken mit roten Beinen sind für ihre Artgenossinnen sehr attraktiv, die mit grünen überhaupt nicht. Also müssten die rotbeinigen Finkenvögel genetische fitter sein als die grünbeinigen Brüder. Zweites Ergebnis: So war es. Die Nachkommen der Rotbeinigen überlebten besser als die der Grünbeinigen. Womit die These der vernünftigen Damenwahl bestätigt wäre, gäbe es da nicht einen kleinen "Twist": Die Rotbeinigen waren in Wirklichkeit Grünbeinige, denen die Forscher die Beine rot angemalt hatten!
So wurden die falschen Grünen tatsächlich attraktiv, und die
Nachkommen waren tatsächlich "fitter" Sie schlüpften früher, erhielten dadurch mehr Nahrung, waren aggressiver und später dann dominanter in der Hierarchie der Vögel. Womit die These von den Merkmalen, die genetische Fitness ankündigen, zumindest in diesem Fall widerlegt wurde.
Aber was war geschehen? Hatte eine Art Placebo-Effekt gegriffen? Die Forscher forschten weiter und fanden heraus: In den Eiern von angeblich attraktiven Vätern (= angetäuschte Rotlinge) entdeckten sie mehr Testosteron als in denen von echten Grünbeinigen. Testosteron begünstigt die Eigenschaften, die später festgestellt wurden: frühe Entwicklung, Aggressivität, Dominanz. Also lag es ausschließlich an den Weibchen, wenn der Nachwuchs besser wurde, nicht an den Männchen. Mit anderen Worten: Rote Beine sind geil, warum auch immer. Das erhöht den Erregungszustand der Weibchen bei der Befruchtung. Als Folge davon gibt es mehr Adrenalin im Blut der Mütter und in den Eiern der Kinder. Und die Wissenschaft ist wieder um eine Erkenntnis reicher.
Was lernen wir daraus? Erstens: Vorsicht bei scheinbar offensichtlichen Kausalketten! Nur weil die Menschheit seit einigen Jahrzehnten mehr hustet (also CO2 in die Atmosfäre pustet) und es jetzt auch wärmer wird, heißt das noch lange nicht, dass das eine das andere verursacht. Und zweitens: Attraktivität ist ebenso zeitgebunden, oder sagen wir: sinnlos, wie alles andere im Leben. Möglicherweise stehen die Zebrafinkinnen im nächsten Jahr auf grüne Beine, und auch das wird stramme Jungs und Mädels ergeben. Oder auf die menschliche
Ebene herabgezogen: Was gestern an Männern attraktiv war (z. B. Wilhelm-II-Bärte oder hüftlange Hippiehaare), darüber kann die jetzige Generation nur lachen. Und in zehn Jahren ... lieber nicht dran denken!
 
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Schwarze Löcher wurden von Karl Schwarzschild 1916 theoretisch aus den Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein abgeleitet. 1967 schuf John Archibald Wheeler den begriff "Schwarzes Loch" für diese Gebilde. Schwarze Löcher verschlucken alles für immer, Materie, Energie, Strahlung und Information. 1974 publizierte Stephen Hawking eine Hypothese, wonach Schwarze Löcher auch verdampfen können ("Hawking-Strahlung"), und in seinem Buch "Das Universum in der Nussschale" äußerte er die Annahme, dass Schwarze Löcher bei ihrem Ableben die gesammelte Information wieder ausspucken.
 
 
 
 
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