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["Notizen aus dem schwarzen Loch"]
 
 
Notizen 185
 
Ist die Demokratie noch zu retten?
 
In dem Beitrag "Die Zeit der Cäsaren" habe ich vorausgesagt, dass die Demokratie am Ende ist. Aber vielleicht kann irgendwer sie doch noch retten? Was ist überhaupt los mit unserer Demokratie?

Wir erleben derzeit einen Triumphzug der sogenannten "Populisten". Sie verführen das Volk und wollen die Demokratie abschaffen. Ihr Vorgehen ist ganz legitim: Das Volk hat sie gewählt, mit gutem Wissen und Gewissen. Wirklich?
In zwei bemerkenswerten Beiträgen im SPIEGEL 14/2017 gehen ganz unterschiedliche Autoren auf das Problem der verwundbaren Demokratie ein.
Problem 1: Warum wählen diejenigen, die ganz unten sind, Männer, die ganz oben stehen und ihre Bedürfnisse in keiner Weise berücksichtigen werden? Warum, wie ich schon einmal mit Bert Brecht schrieb, "Trotten die Kälber/Hinter der Trommel her/ Das Fell für die Trommel/Liefern sie selber."? Die Verlassenen und Vergessenen in Teilen Englands bekommen nichts von der Zentralregierung, die sie vergessen hat. Die einzigen finanziellen Zuwendungen stammen aus Brüssel - Feind Nr. 1, den sie abwählten. Die Verlassenen und Vergessenen in Teilen der USA wählten ausgerechnet einen Milliardär, welcher die Steuern für die Reichen senken will, was zu weniger staatliche Zuwendungen für die Armen führt; welcher die ohnedies eher mickrige Krankenversicherung abschaffen will, was dazu führt, dass keine medizinische Betreuung mehr möglich ist; welcher staatliche Zuwendungen jeder Art kappen will, was dazu führt, dass es keinen Ausweg aus der Armutsfalle gibt.
Bleiben wir bei den Trump-Wählern, zum Großteil Bewohner der Appalachen und des "Rostgürtels" der USA, die sich selber "Hillbillies" nennen. Einer von ihnen, James David Vance, hat den Sprung aus der Armutsfalle dieser Menschen geschafft und darüber ein Buch geschrieben, in dem er mit den Seinen gnadenlos abrechnet. Denn an ihrer Misere sind sie selber schuld, haben aber die bemerkenswerte Gabe, immer jemand anderem die Schuld zu geben. Sie sind faul, würden das aber nie von sich behaupten. Sie kündigen jeden Job, weil sie in der Früh nicht aufstehen wollen oder zu dieser Zeit schon (noch) besoffen sind, behaupten aber dann öffentlich (auf Facebook), man hätte ihnen gekündigt. Sie beschimpfen und prügeln ihre Frauen, saufen und kiffen. Und wer ist daran Schuld? Obama, weil er - und dann kommt eine Reihe grotesker Gründe. Warum haben sie Trump gewählt? Weil er genau ihren eigenen Charakter verkörpert - rücksichtslos, großspurig, zynisch, lügenhaft, aggressiv, frauenverachtend, immer die Schuld anderen zuweisend (Chinesen!). Nur mit einem Unterschied: Trump war erfolgreich, die Hillbillies sind es nie.
Problem 2: das Nichtwissen. Nehmen wir die Brexit-Befürworter. Niemand von ihnen wusste überhaupt, worum es geht, oder gar, welche Folgen der EU-Austritt haben würde. Die Uninformierten stimmten für Isolation, die Klugen für einen Verbleib. Oder si
e denken, Demokratie ist da, ich brauche mich um nichts kümmern. Ausspruch eines jungen, offenbar gebildeten Nicht-Wählers: "Politik betrifft mich nicht, und ich verstehe nichts davon." Er darf trotzdem wählen, wenn er will, uninformiert und Politik und Politiker verachtend. Die Demokratie - ein Bürger = eine Stimme - begünstigt Nichtwissen. Eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Fragen ist überflüssig, die (bei uns automatische) Registrierung bei der Wahlbehörde reicht.
Hier setzt der US-Philosophie-Professor Jason Brennan an. Sollten wir, so meint er provokant, die größte Errungenschaft der Demokratie, nämlich das allgemeine Wahlrecht überdenken und neu fassen? Nichts ist selbstverständlich. Frauen dürfen erst seit 1971 wählen - in der Schweiz. Früher durften die Menschen wählen, wenn sie 21 waren. Jetzt genügen 18 Jahre, demnächst 16 oder 14 - oder 0. Eine SPD-Politikerin hat ernsthaft vorgeschlagen, allen Bürgern das Wahlrecht zuzugestehen, und Neugeborene sind auch Bürger.
Brennan meint nun: Man könnte das Wahlrecht vom Informationsgrad der Wähler abhängig machen. Die Stimmen der besser Gebildeten haben mehr Gewicht. Dies in der Praxis durchzusetzen wird nicht ganz einfach sein und vor allem Proteste hervorrufen, die von den populistischen Kandidaten aufgegriffen und gebündelt würden. Also hat Brennan noch andere Vorschläge, darunter eine Variante aus dem alten Athen, von Plato propagiert: Wählt zufällig 20.000 Bürger, schult sie in den anstehenden politischen Fragen, gebt ihnen finanzielle und sonstige Anreize, dann sollen sie, repräsentativ für das ganze Wahlvolk, die Kandidaten und Parteien wählen, die sie für richtig halten ("Epistokratie" = Wissensherrschaft). Ob das funktioniert? Man könnte es, mein Brennan, in einer stabilen und möglichst wenig korrupten Demokratie ausprobieren. Er denkt dabei an den US-Staat New Hampshire oder an den EU-Staat Dänemark.
Jedenfalls: So geht es nicht weiter. Die Demokratie ruiniert sich selbst, und das Konzept von Willy Brandt, "Mehr Demokratie wagen" scheint ins Nichts der Pöbelher
rschaft zu führen. Alternativkonzepte sind gefragt - und der Mut, sie auszuprobieren.
 
Drei Affen (unten im Bild): nichts sehen, nichts hören, nichts sagen, nichts denken, nichts tun.
 
 
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Schwarze Löcher wurden von Karl Schwarzschild 1916 theoretisch aus den Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein abgeleitet. 1967 schuf John Archibald Wheeler den begriff "Schwarzes Loch" für diese Gebilde. Schwarze Löcher verschlucken alles für immer, Materie, Energie, Strahlung und Information. 1974 publizierte Stephen Hawking eine Hypothese, wonach Schwarze Löcher auch verdampfen können ("Hawking-Strahlung"), und in seinem Buch "Das Universum in der Nussschale" äußerte er die Annahme, dass Schwarze Löcher bei ihrem Ableben die gesammelte Information wieder ausspucken.
 
 
 
 
 
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