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["Notizen aus dem schwarzen Loch"]
 
 
Notizen 211
 
Katalanen gegen Spanier
 

Aus aktuellem Anlass zwei Rundbriefe aus dem letzten Jahr, mit neuen Aspekten. Achtung: Dieser Beitrag genügt nicht den üblichen journalistischen Kriterien: Er ist nicht objektiv, nicht neutral, nicht gefühllos. Sondern parteiisch, polemisch, emotional.

Die Bilder waren schrecklich: Vermummte Polizeikräfte in schwarzen Anzügen prügeln auf friedliche Bürger, die eine Schule betreten wollen und den gepanzerten Ordnungskräften rote Nelken reichen. Über 500 Verletzte soll es gegeben haben, und das ohne Grund: Die Katalanen wollten ein Volksbegehren durchführen und dabei niemandem etwas antun. Doch die Stierkampfgestählten Panzerhirne in Madrid reagierten wie die Sowjets in Ungarn und in der Tschechoslowakei. Der König rügte die friedlichen Katalanen und verlor kein Wort über die brutale spanische Polizei. Und die EU zuckt die Schulter; geht uns nichts an.
Jetzt wollen sie Spanien verlassen, und das mit gutem Grund. Aber müssen sie deswegen Gewalt anwenden? Tun sie ja nicht, haben sie nie. Diesmal sind es die Spanier, die sich mit ihrer Vergangenheit nie auseinandergesetzt haben: 1492 Vertreibung aller Juden aus Spanien. Danach öffentliche Verbrennungen von "Ketzern" durch eine schreckliche Inquisition, die erst von den Franzosen beseitigt und nachher von den Spaniern wieder eingeführt wurde. Offenbar haben sie die öffentlichen Hinrichtungen als Volksbelustigung vermisst. Dann der Völkermord an den Ureinwohnern der beiden Amerikas. Zuletzt der brutale Krieg gegen eine demokratisch gewählte Regierung durch einen gewissen Francisco Paulino Hermenegildo Teódulo Franco y Bahamonde Salgado Pardo.
Wie wird es weitergehen? Möglicherweise wird langfristig Spanien ein ähnliches Schicksal erleiden wie derzeit Großbritannien, wo sich gerade Schottland Stück für Stück vom Großen Reich löst und andere Regionen folgen werden. In mancher Hinsicht ähnelt Katalonien in seinem Streben nach Unabhängigkeit Wales in England, wo auch die (angebliche) Ursprache namens "Gälisch" als Beamten- und Unterrichtssprache eingeführt wurde.
Wie unterscheidet man einen Spanier von einem Katalanen? Der Spanier bietet dir eine Flamencoshow an und verabschiedet sich mit einem zackigen "adíos". Der Katalonier spielt dir auf seiner 'Quetschn' ein paar melancholische Tangos vor und verabschiedet sich mit einem freundlichen Schweigen. Der Spanier nennt die Menschen in speziellen Anstalten "hombre" und "mujer". Der Katalane nennt die Menschen in diesen Anstalten "Caballero" und "Dona". Der Spanier jubelt, wenn unschuldige Tiere öffentlich zu Tode gequält werden. Der Katalane jubelt, wenn die sechsschichtige Menschenpyramide ("Castell") fertig ist.
Was einem Besucher als unsinnige Maßnahme erscheint - alle Aufschriften sind zweisprachig, der Schulunterricht dagegen nur in Katalans -, das hat
einen düsteren Hintergrund. Schon vor 500 Jahren probierten die Katalanen den Aufstand gegen Madrid, vergeblich. In der Franco-Diktatur, so erzählte uns ein junger Katalane, wurde sein Großvater aus einem katalanischen Bergdorf von Francos Mörderbanden erschossen, nur weil er nicht spanisch konnte. Die Spanier machten damals mit den Katalanen das Gleiche wie die Türken mit den Kurden oder die Italiener mit den Südtirolern: Sie verboten ihre Sprache und versuchten, ihre Kultur auszurotten. Und wenn's geht, das Volk dazu.
Dabei haben die Katalanen, was Kultur betrifft, einiges zu bieten. Joan Miró und Salvador Dalí sind die bekanntesten katalanischen Maler der Moderne. Der entscheidende Künstler für Barcelona indes war Antoni Gaudí (1852 - 1926), der geniale Schöpfer neugotischer Gotteshäuser. Seine berühmte Sagrada Familia am Place Gaudí, eine ebenso wuchtige wie filigrane Kirche im gotischen Bio-Stil, wurde 1882 begonnen und ist immer noch unvollendet. "Mein Auftraggeber hat Zeit" entgegnete Gaudí auf die Frage, wa nn denn seine Kirche fertig wäre. (Für die Anwohner von Wien, Abensberg, Uelzen und noch ein paar anderer Städte: Gaudí ist das katalanische Gegenstück zu Hundertwasser. Mehr oder weniger.)
Warum sind die Katalanen so tolerant? Sind sie das? Was bedeutet überhaupt 'Toleranz', und kann man die Toleranz eines Volks oder Staats messen? Man kann, im Verhältnis zu einer Bevölkerungsgruppe: den Homosexuellen. Da zeigen sich echte Toleranz oder verbohrter Fanatismus. Aber zuerst ein paar persönliche Beobachtungen aus Barcelona, der Hauptstadt der Katalanen:
- Ein Ambulanz mit gelben Blinklichtern, aber ohne Horn, will durch eine schmale Gasse fahren, kommt aber nicht weiter, weil zwei Frauen den Weg blockieren, die eine mit Kinderwagen, die andere mit Einkaufstüten. Nachdem die beiden ihr lebhaftes Gespräch beendet haben, darf die Ambulanz durch, und die sieben Autos dahinter auch. Doch niemand hupt oder regt sich auf. Alle bleiben freundlich, verständnisvoll, gelassen.
- Auf der Rambla, der Haupt-Einkaufsstraße, die in jüngster Zeit Schauplatz eines schrecklichen Attentats geworden war, ist am Samstag auch um 2 Uhr nachts noch viel los. Scharen von Schülern, Jugendlichen, Studenten, von In- und Ausländern, streifen durch die Straßen. Alle sind fröhlich, meist auch etwas laut, aber niemand aggressiv oder gar pöbelnd.
- Auf dem öffentlich zugängigen Strand von Barcelona gibt es keine Kleidervorschriften. Manche sind züchtig bademäßig bekleidet, manche nur halb, die meisten nackt. Zudem wird ein bestimmter Abschnitt des Strands hauptsächlich von Homosexuellen genutzt. Sie schmusen dort öffentlich und feiern im Wasser ihre Partys. Dazwischen tummeln sich Familien mit kleinen Kindern, Alte, Junge, allein, zu zweit, in Gruppen, bunt gemischt. Niemand nimmt Anstoß am Treiben der anderen, es gibt keine vorwurfsvollen Blicke.
Dagegen zeigen die Katalanen keine Toleranz gegenüber Tierquälern. Für die friedliebenden Katalanen war es dann nur logisch, die in Spanien obligate Tierquälerei namens "Stierkampf" abzuschaffen. Die Stierk ampfarena wurde 2011 umgewidmet in ein Einkaufs- und Kulturzentrum.
Woher kommt diese Großzügigkeit? Den Katalanen ist ein geschichtliches Missgeschick widerfahren, das sich möglicherweise als Glücksfall entpuppte: Sie schafften es nicht - im Gegensatz zu den Portugiesen - sich aus dem Verband der spanischen Fürstentümer zu lösen und unabhängig zu werden. Dadurch konnten sie keine Weltreiche erobern (wie Portugal), gestohlene Reichtümer verprassen oder Eingeborene ausrotten. Vielleicht hat das dazu beigetragen, dass die Katalanen ihre eigene Kulturtradition, ihre Sprache, ihre Eigenständigkeit und ihre Toleranz bewahren konnten. Hoffentlich tun sie das noch lange in einem Europa der Freiheit und des friedlichen Zusammenlebens.

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Schwarze Löcher wurden von Karl Schwarzschild 1916 theoretisch aus den Formeln der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein abgeleitet. 1967 schuf John Archibald Wheeler den begriff "Schwarzes Loch" für diese Gebilde. Schwarze Löcher verschlucken alles für immer, Materie, Energie, Strahlung und Information. 1974 publizierte Stephen Hawking eine Hypothese, wonach Schwarze Löcher auch verdampfen können ("Hawking-Strahlung"), und in seinem Buch "Das Universum in der Nussschale" äußerte er die Annahme, dass Schwarze Löcher bei ihrem Ableben die gesammelte Information wieder ausspucken.
 
 
 
 
 
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